The Low Anthem – 26. September 2009, La Maroquinerie in Paris

1.    In Frankreich hört man so gut wie überhaupt keinen guten Indie-Kram. (In der Hauptstadt Paris also erst recht nicht.)
2.    Sollte eine wirklich gute Kapelle sich in diese Indie-Freie-Zone wagen, so ist das Konzert wahrscheinlich viel zu teuer.
3.    Treffen weder der erste, noch der zweite Punkt zu, so ist das Konzert bereits ausverkauft.

Ausgereichnet mein erstes Konzert in der „Capitale“ bricht alle diese Regeln. „The Low Anthem“ haben am 26. September 2009 in der Bar „La Maroquinerie“ in Paris gespielt für gutes Geld – und ich hatte Karten.

Es sei alternativer Rock oder auch Folk-Rock, was sie spielen heißt es, wenn man das Internet zu ihrer Musik befragt. Als ob man diese in eine Schublade stecken könnte. Jede Kategorisierung scheint mir wie eine Vermessenheit. Ohne viel zu reden, waren sie auf der Bühne. Fast schüchtern möchte man sie nennen. Sie waren einfach da. Mit ihnen die Ausstattung eines gesamten Orchesters. Die Anzahl der Instrumente, die auf der Bühne verstreut waren, war beeindruckend. Und wo sind die vielen Musiker, die all diese Tonwerkzeuge erklingen lassen sollen?, fragt man sich. Ziemlich schnell bemerkt man jedoch: Aber nein, es sind nur sie, Ben Knox Miller, Jeff Prystowsky und Jocie Adams, die sie spielen werden. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard sind die Standards. Klarinette und Kontrabass sowie Horn und Mundharmonika sind da schon außergewöhnlicher. Aber Mobiltelefone oder ein Instrument, das mit einem Geigenstock bedient wird und klingt, wie wenn Gläser zum Schwingen gebracht werden, stellen besondere Kuriositäten dar. Entrückt und sehr besonders ist ihre Musik.

Während der Stücke sind sie so konzentriert, dass sie die Augen schließen, um der Spannung ihrer eigenen Stimme standhalten zu können. Sie zupfen Seiten und sind dabei ganz bei sich selbst. Inbrünstig ist das Wort, das ihre Art des Musikzierens beschreibt. Allein durch das Zuschauen ist das Publikum von einer stillen Zufriedenheit ergriffen. Zwischen den Stücken rangieren sie, laufen vom einen zum anderen Gerät und stellen sich neu auf, weil das nächste Lied bestimmt völlig anders klingt, als das vorausgehende. „Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen und umgekehrt“, hat der Sänger Ben Knox Miller in einem Interview einmal gesagt. Und diese Formel schien sich auf heute Abend zu bestätigen. Mal sind die Stücke andächtig, ein Andermal ausgelassen.

Kann Paris also doch was, was Musik betrifft? Die singenden Clochards ohne Hose in der Metro, mein französischer Mitbewohner, der zum Aufstehen Metallica hört – das alles spricht dagegen. Aber „The Low Anthem“, die Artisten aus Rhode Island, wecken meine Hoffnung und retten meiner Meinung nach den Ruf der gesamten Grande Nation was gute Musik betrifft.