Pearl Jam – 15. August 2009, Kindl-Bühne in der Wuhlheide

Von Flanellhemden, den Sternen und Frikobrötchen. Pearl Jam waren am 15. August in der Wuhlheide in Berlin. Dieses Konzert – der für mich größten Band unserer Zeit – kann man nicht beschreiben als einen einzelnen Auftritt von etwa 150 Minuten. Für mich war es ein einziges dreißig-stündiges Konzerterlebnis.

Für mich begann dieses Erlebnis bereits am Freitagabend als ich mit der Karte im Koffer und viel Vorfreude im Kopf nach Köln aufbrechen sollte, um dann auf meine Mitfahrer nach Berlin zu stoßen. Eine Fahrt, die mit reichlich Musik der Grungemänner ausgestattet, bereits als eine Einstimmung auf das Konzert begriffen werden kann. Jedes Album, jeder Song  - wie es sich eben gehört. Und was weiter? Ansonsten waren wir versorgt mit Frikobrötchen. Eine mir vorher unbekannte Delikatesse.  Eine sehr einfache aber wohl mindestens ebenso geschmacksvollendete Rezeptur, die ich schnell lernen sollte: erst Senf, dann Salat, Frikadelle und wieder Senf. Stulle zu. Fertig. (Ich habe insgesamt zwei dieser amuse-bouches für den Fahrer zubereitet - zubereiten müssen.) Während der Fahrt werfe ich immer wieder einen Blick auf die Eintrittskarte, die kein billiger Ausdruck ist, wie so oft bei Onlinebestellungen üblich. Sondern ein richtiges Ticket, ausgestanzt, das die Band bedruckt in schwarz-weiß auf der Bühne zeigt. Fabelhaft ist das. Ankunft war um halb eins in Neukölln. Eher nervenzehrend und ziemlich spät war das. So folgten einige Stunden Schlaf.

Und dann war es so weit. Aber selbst die wenigen Stunden vor dem eigentlichen Konzert waren geprägt von vereinzelten Konzerterlebnissen. An großen Zugstationen tummelten sich bereits mittags Jungs mit Bier und Bandshirts oder Pearl Jam-Fahnen. (Und während doch Fußballfans mit ähnlich veräußerten Geschmacksbekundungen stets meine Nerven strapazieren, erzeugte dies – das muss ich zugeben – doch eine kleine Vorfreude in mir.) Vier Uhr dann der Aufbruch zur Kindl-Bühne. Als wir um Viertel nach vier aus der Bahn stiegen, konnte man bereits die ersten Töne der Band erhaschen – Soundcheck. Durch den Wald hindurch erklang es bis zu uns und so legten wir den halben Kilometer durch das Grün, über Stock und Stein in die Richtung, aus der diese entzückenden Klänge zu kommen schienen, zurück.

Einlass war gegen halb sechs und die Plätze waren wohl perfekt. Auch ohne Brille konnte ich jedes der Bandmitglieder deutlich erkennen – und zwar mit ihrem jeweiligen Instrument. Die Bühne in der Wuhlheide ist als Amphitheater gebaut und von den ansteigenden Rängen aus bot sich uns ein geradezu berauschendes Bild. Die Stehplätze um die Bühne herum, sowie auch die steilen Sitzplätze füllten sich langsam. Mit Flanellhemdträgern, Langhaarigen und Bärtigen. (Damit meine ich nicht die traurige Art von Bart, die sich gerade die Berlin-Mitte-Styler versuchen, wachsen zu lassen. Keine dieser Schnubis, die gerade zu Neon-Röhrenjeans fürchterlich angesagt zu sein scheinen. Sondern richtige Vollbärte - im ganzen Gesicht.) Und war das Kleidungsstück mal nicht aus Flanell und kariert gemustert, so war es ein Bandshirt. Ohne Ausnahme.

Die Vorband war Gomez. Eine britische Indie-Rockband. Gar nicht mal schlecht. Vor allem aber gut zum Nicken, ja einige haben sogar mit der Hüfte gewippt. Wir haben lieber mehr Bier geholt. Ein weiteres, den Abend prägendes Konzertereignis folgte auch sodann beim Anstehen vor dem Getränkestand. Ein etwa vierzigjähriger Ire freute sich offenbar so sehr und schien so von der dort vorherrschenden, alles erreichenden Liebe ergriffen, frei heraus bat er uns: „Guys. Give me a hug, he?“ (Kein Scherz.) Auch auf mein Lächeln, das die Situation charmant überspielen sollte, breitete er  bloß die Arme aus und schloss mich wie selbstverständlich eng an seine Flanellbrust. Alle mögen sich, alle haben sich lieb. Überhaupt – Englisch und Spanisch, auch Italienisch und sogar Schwedisch konnte ich noch auseinander halten, aber weiß Gott, aus welchen fernen Ländern die Menschen sonst noch angereist kamen. Trotz all der positiven Schwingungen, die der Ire zu spüren glaubte, verabschiedete ich mich doch lieber höflich, als ich mein Bier in Händen hielt, um dann noch den letzten Tönen zu lauschen, die Gomez zum Besten gaben.

Es wird Zeit, dachte ich. Das dachten auch ein paar andere, die eine Laola starteten und auf diese Weise versuchten, die Band auf die Bühne zu holen. Sechs mal machte die Welle aus Händen die Runde. Halb neun war es. Da rannte, nein sprang die Band auf die Bühne. Der Opener war „Why Go Home?“ Ja. Wer wollte das denn schon? Wohl keiner. Jetzt, nachdem die Band endlich spielte und das Publikum geradezu durchdrehte? Bereits das dritte Stück war die Single „Fixer“ ihres, neuen Albums „Backspacer“. (Soll am 18. September erscheinen.) Und der gute, alte Eddie Vedder, er begrüßte die Zuhörer zu dieser „wunderbaren Sommernacht“, wie er sie nannte – auf Deutsch. Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt die erste Flasche Rotwein doch bereits zur Hälfte geleert hatte. Jetzt konnte es beginnen.

Eine besondere Note schufen die Duftschwaden von Marihuana, die über der Menge schwebten. Diese wiederum nickte mal gelassener, mal wilder und schwankte hin und wieder her. Auch die Grungemänner wackelten auf der Bühne vom linken auf das rechte Bein - der berüchtigte, manchmal belächelte Eddie Vedder eigene Tanzstil. Vom Feinsten, wie ich finde. Die größten Stücke waren „Alive“, „Evolution“ oder „Betterman“, sodass Körper beim Crowdsurfen über Hände herumgegeben wurden, Haarmähnen geschüttelt wurden (tatsächlich!) und auch mal ausgelassener und geradezu wild gewackelt, genickt oder alles durcheinander geschmissen wurde. Auf der Bühne war es das Mikro, das am Kabel umhergewirbelt wurde, der Mikroständer wurde gekippt, sie rannten und sprangen. Es war bei „Alive“ als der sympathische Sänger sogar kurz von der Menge verschluckt und die gesamte Band zum äußersten gefeiert wurde, bald der Frontmann dann doch wieder auftauchte, um weiterzumachen. „Ich glaube, es hat eine besondere Bedeutung, den folgenden Song gerade hier zu spielen“, sagte er noch, bevor er „Keep on Rockin’ in the Free World“ anstimmte. Er bekam von der Seite Tamburine zugeworfen, wirbelte erst selbst heftig mit ihnen herum und schmiss sie dann weiter in das Publikum. Um sofort wieder zwei neue zu bekommen, die er wieder weitergab. Wieder zwei. Und danach wieder. Welch ein Unmaß an musikalischen Schelleninstrumenten! - aber einer der Höhepunkte des Auftritts. Insgesamt war es allerdings trotzdem ein Konzert, auf dem wohl eher die verborgenen Schätze der Band ausgegraben wurden, als dass deren typische oft gehörte Hits gespielt wurden. (So wurde beispielsweise auf „Black“ - eine Hymne, jawohl – und die damit verbundenen minutenlangen Publikumsgesänge ganz verzichtet.)

Die ein oder andere Rotweinflasche wurde noch geleert. Begonnen hat das Konzert, als es noch hell war. Es hat sich mit der Dämmerung in die Dunkelheit gezogen und als es endete, standen sogar Sterne am Himmel. Bis elf Uhr haben sie gespielt. Zweieinhalb Stunden also. Dann kam das letzte Stück - „Yellow Ledbetter". Wie so oft. Wie fast immer. Eine Verbeugung am Ende gab es aber nicht. Eddie Vedder ist auf den Bühnenboden und lag fast vor dem Publikum. „A memorable night“, fasste er den Auftritt zusammen und das stimmt auch. Ganz selig war ich danach und ohne romantisch klingen zu wollen, war das ohne Zweifel ein besonderes Konzert. Vielmehr noch, ein großartiges gesamtes Konzertereignis der für mich – wie bereits gesagt – größten Band unserer Zeit.