Wenn man in der Nacht von Donnerstag auf Freitag durch die Tristesse der sachsen-anhaltinischen Dörfer, Kleinstädte und Vororte hindurch fährt und irgendwo zwischen den Bäumen und Feldern zwischen Dessau und Wittenberg weit entfernt am Himmel die Scheinwerfer erspäht, die als Vorboten eines 3-Tages-Marathons aus Musik, Menschen und Party wahrnehmbar werden, dann weiß man, dass man gleich in eine Parallelwelt abtaucht.
Festivals haben im Großen und Ganzen immer den Charme einer Parallelwelt, eines mehrtägigen Ausnahmezustands, der sich jedoch leider viel zu oft in besinnungslosen Besäufnissen mit musikalischer Begleitung erschöpft. Das Melt! Festival in Gräfenhainichen erzählt da eine etwas andere Geschichte. Auch hier hat man es mit gut 20.000 Besuchern nicht mehr mit einem kleinen Festival zu tun und dennoch scheint hier der Einklang zwischen Mensch und Musik im Mittelpunkt zu stehen. Bei allem unerwünschtem Pathos: genau das ist das Fazit, das nach 3 Tagen Indie- und Elektromusik, Schlaflosigkeit und jeder Menge unbekannter Menschen, die für 3 Tage gute Freunde wurden, am Ende hinten rauskommt.
Der Freitag
Halbnackte Menschen überall, unerträgliche Hitze staut sich im Zelt und ein strahlend blauer Himmel begrüßt uns nach einer kurzen Nacht und leitet Tag 1 des 12. Melt-Festivals! ein. Bis dann ein Unwetter aufzieht und allseits Menschen zur manuellen Sicherung der Pavillions zwingt, sie aber gleichzeitig nicht davon abhalten kann, weiterhin zu tanken - Bier, Wodka-Bull oder neuerdings: Wodka-Georgia. Als der Beat des Ghettoblasters nebenan wieder einsetzt, der Regen schlagartig abklingt und die Sonne zögerlich erste Strahlen auf den Campingplatz wirft, haben alle ihr erstes kollektives Erlebnis. Das letzte sollte es jedenfalls nicht bleiben.
Nur das hochkarätige Line-Up tröstet über die zweite persönliche Foals-Absage innerhalb eines Jahres hinweg. Nach den Cold War Kids, die einen nahezu berauschenden Opening-Act abgegeben haben sollen (so hörte man), enterten wir das Gelände und lauschtem dem Laptop-Folk James Yuills, der komischerweise auch auf der Main Stage nicht verloren wirkte.
Nach dem ordentlich ravenden Gitarrengeklöppel der Klaxons trieb es uns in Richtung Sleepless Floor zu Tim Exile, der noch bei hellichtem Tageslicht ordentlich Durchmachstimmung unter den wenigen Anwesenden verbreitete.
Röyksopp enttäuschten auf halber Linie. Lag es am Slot, der fehlenden Stimmung oder am Auftritt selbst? Ein Spiel aller Faktoren dürfte zu diesem wenig anregenden Auftritt beigetreten haben. Bei Travis hatten wir unser erstes "Achja-Früher-War-Das-Schon-Geil"-Erlebnis dieses Wochenendes und nach dem großartigen "Driftwood" ist es nahezu egal, dass Ihnen "Why Does It Always Rain On Me?" als Ode an den einsetzenden Regen aus Zeitgründen verweigert wird.Nach kurzem Abstecher bei den Crystal Castles war es bereits zu spät für La Roux und nach dem markerschütternden Set Aphex Twins war dann auch Schluss. Ja, Moderat, Trentemoeller und Deadmau5 wurden aufgrund des erneut einsetzenden Unwetters abgesagt. Die halbe Nacht verbrachten wir dann irgendwie zwischen Soundwave Tent, Intro Revolutionspalast und Herrentoilette, auf der wir die seltsamsten, aber interessantesten Bekanntschaften machten. Irgendwann - am Ende der Nacht und des Unwetters - landeten wir auf dem Sleepless Floor, wo wir ein paar übrig gebliebenen Druffis beim Abdrehen zuschauen durften. Hallo Samstag!
Der Samstag
Der Samstag ist in erster Linie kein Samstag sondern einfach nur nass. Will heißen: der Schlafsack schmiegt sich kuschelig-feucht an meine Beine und das Wasser was von der Zeltdecke tropft, ist definitiv nicht mein Schweiß. Mein Zeltmitbewohner berichtet von der letzten Nacht. Wörter wie "Seesturm" fallen und ich muss daran denken, wie ich nach der Räumung des Gemini-Zeltes um 3.30 Uhr bis halb acht in einer Herrentoilette mit etwa 40 anderen Melt!-Gängern - darunter klitschnasse Holländer, die den Handföhn zweckentfremdeten und ein Kleindarsteller und Lokomotivführer aus Berlin - darauf wartete, dass das Unwetter endlich das Weite suchte. Vor dem Zelteingang zeigt sich in etwa das Ausmaß von Regen und Sturm in der letzten Nacht: über das komplette Campinggelände verteilt knien schwache Zelt- und Pavilliongerüste im Matsch und zeigen wie viel Rückgrat in solch schweren Zeiten besitzen: keins nämlich.
Nachmittags lässt der Kater nach und es wird dann tatsächlich wieder etwas schöner. So schön, dass man Trinkspiele spielen und sich über andere Festivalbesucher lustig machen kann. Und es ist tatsächlich so windstill, dass der Gaskocher gar nicht erst daran denkt, sein blaues Flämmchen wieder einzupacken. Als wir gegen 20 Uhr in Richtung Ferropolis losmarschieren, um unsere technischen Geräte noch einmal aufzuladen, umhüllen leider doch wieder dicke Regenwolken die Stadt aus Eisen.
Erlend Oye und seine Jungs von The Whitest Boy Alive betreten die Bühne und, oh Wunder, es legt sich eine angenehme Portion Abendsonnenschimmer über das Gelände. Die Hauptbühne wird zum Wohnzimmer und Erlend der alte Charmebolzen lädt zur Hausparty. Gut so! Nach kurzer Druckbetankung mit den Kollegen geht es weiter zu James Holden auf die Raverwiese am äußersten Punkt der Halbinsel. Kurz die Fakten: der Typ bringt mit 19 seine erste CD raus und hat seitdem jeden zwischen Britney Spears und Radiohead geremixt. Ich bin ein bisschen neidisch und trinke noch etwas. Und wie wir inmitten der tanzenden Menge stehen hat es etwas sehr Skurriles, wie sich tausende Tanzwütige zur Musik von einem Twentysomething-DJ bewegen, den man in diesem Baukran nicht einmal sieht, höchstens erahnt - Daft Punk-Maskerade für Fortgeschrittene quasi.
Danach geht es weiter mit Phoenix. Zweitbester Auftritt an diesem Wochenende. Punkt. Bloc Party finde ich dann eher nicht so spannend, Whiskey-Cola mit zwei netten Menschen und Digitalism vom Backstage aus umso mehr. Danach setzt bei mir leider eine kleine Gedächtnislücke ein, die sich erst wieder gegen 6 Uhr morgens mit Boys Noize und Erol Alkan verabschiedet. Dazwischen müssen irgendwo Paul Kalkbrenner, viele Getränke und Diplo liegen. Boys Noize jedenfalls: ein rappelvolles Gemini-Zelt, die neue 2 Track- EP und das obligatorische Michael Jackson-Tribute gegen Ende lassen die Show der Herren Alkan und Rhida zu einem meiner persönlichen Melt!-Höhepunkt werden.
Danach geht's schnurstracks auf den Sleepless-Floor, wo mich Sascha Funke mit Hut und zahlreichen, bis oben hin mit Chemie abgefüllten Druffies, schon mit eifriger Filterrein- und rausdreherei begrüßt. Hallo! Gegen 8 Uhr ist die Sonne dann so weit hinter den Wolken hervorgekrochen, dass es sich ein Großteil der Dauerwachen auf dem Platz vor der Halle gemütlich macht. 9.30 Uhr, schnell noch ein Wasser rein. Druffdruffdruff - ab in's Zelt. Soviel Schlaf mitnehmen, wie nur irgendwie geht.
Der Sonntag
Am Sonntag sind nur noch 3 Bühnen geöffnet. Patrick Wolf mussten wir leider aufgrund der Interviewvorbereitungen zum Passion Pit-Interview (nächste Woche auf www.helga-rockt.de zu lesen) sausen lassen und so waren es Glasvegas, die mit einer unterirdischen Liveperformance unseren letzten Melt!-Tag musikalisch eröffneten. Es konnte ja eigentlich nur besser werden. Polarkreis 18 krankten am absolut unpassenden Slot, den sie sich aber mit ihrem nervigen "Allein, Allein" erarbeitet hatten. Man wünschte sich doch die atmosphärischen Songs des Debüts bei etwas mehr Dunkelheit zu erleben. Schade eigentlich.
Kasabian lieferten eine 1 1/2-stündige Rockshow, die eigentlich nichts zu wünschen übrig ließ. Objektiv betrachtet, aber wer macht das schon, sind sie eine weit bessere Liveband als Oasis. Deren Auftritt allerdings war um einiges besser als man es schonmal erlebt hatte und nachdem Liam durch "Rock'n'Roll Star" stolperte, folgte ein ganz ordentliches Set, das bezeichnenderweise gerade dann seine Höhepunkte hatte, wenn Bruder Noel ans Mikro trat.
Passion Pit schließen für uns das Festival ab. Das Soundwave Tent geht steil und auch wenn viele das gesamte Album "Manners" nicht in Gänze zu kennen scheinen, tut das der Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil: mit 2 herbeiapplaudierten Zugaben können die Jungs ihren ersten Deutschlandauftritt als durchaus gelungen bezeichnen.
Der Schlaf ist am Ende die letzte Bastion des Rückzugs. Fertiger war man nur selten, glücklicher gleichzeitig auch. Erst am nächsten Tag, als man vollgepackt die Tristesse der sachsen-anhaltinischen Dörfer und Kleinstädte durchfuhr in Richtung Alltag, wird nochmal klar: Das war ein fantastisches, vollkommen gelungenes Festivalwochenende. Danke, Melt!.
Fotos folgen...
Text: Andreas Peters und Jan Wehn
Kommentare
Hi, ich war auch beim melt!
Hi, ich war auch beim melt! und hab den Bericht interessiert gelesen. Schön geschrieben! Kann dir allerdings bei Röyksopp und Bloc Party nicht zustimmen. Vor allem Bloc Party lieferte meiner Meinung nach einen richtig guten Auftritt ab. Da gab es auf jeden Fall schon viel schlechtere von den Jungs.
Die Foals-Absage dagegen tat mir persönlich ziemlich weh. Auch nicht vergessen zu erwähnen sollte man die zweite Absage des Festivals: Metronomy! Hätte ich auch liebend gerne am Freitag gesehen. Die Organisation war meiner Meinung nach insgesamt relativ bescheiden. Zumindest finde ich den Fakt, dass niemand von den Verantwortlichen auch nur ein Wort auf dem Festival über die beiden Absagen verloren hat und einfach im Programm weitergemacht wurde, schon ziemlich frech... Dann noch Metronomy während einer Umbaupause zu spielen. Na ja, muss nicht sein ;)
Ach ja, mit Entsetzen mussten wir auch feststellen, dass extra für die Herren Oasis ein Wellenbrecher aufgebaut wurde und schöne "Notausgang"-Schilder aufgehangen wurden. Da musste ich persönlich schon schmunzeln...
Ein weiteres Festival-Highlight war für mich außerdem noch Filthy Dukes am Samstag als erster Act auf der Gemini-Bühne. Das war noch ne Nummer besser, als sie schon beim Electronic Beats Festival waren.