Soundcheck: mit Wiley, La Roux, Florence And The Machine und K.I.Z.

Warum Wiley nicht nur ein schlechter Dizzee Rascal ist und La Roux trotz allen Retroschicks den Popnerv der Zeitn genau trifft. Warum Florence Welsh den Vergleich mit La Roux scheuen sollte und ob K.I.Z. unter dem Major handzahm geworden sind? Jan, Silvia und Andreas haben das mal für euch gecheckt.

 

Wiley - Race Against Time

Man muss sich "Race Against Time", das neue Album von Wiley ungefähr so vorstellen, als würde man gerade auf Acid in einen wildgewordenen Mob Londoner Straßenkids geraten und ordentlich das Fressbrett poliert bekommen. Denn wenn der Richard Cowie seinen rotzigen Vorortslang auf Beats rotzt, die so klingen, als würde man Mülltonnenzerquetschen und dazu Oberarmknochen brechen, ist alles aus. "I Was Like You" steht beispielsweise kurz vor dem Herzinfarkt und "Headbanger" kreuzt 2.0-Musik mit Rock'n'Roll. Ebenfalls zu empfehlen: das zurückgelehnte "Music I Like". Die Stärke ist dennoch das Grime-Gewichse in Höchstform. Natürlich kann heutzutage jeder verquere Synthiefürze mit abstrakten Raps kreieren - aber das tolle an der Platte ist eben, dass alles, was dort von Wiley am Mic und Leuten wie Danny Weed oder Maniac an den Boards veranstaltet wird, neu und frisch klingt. Genau deshalb sollte man auch vorsichtig sein, zu behaupten, Wiley sei nur der schlechte Dizzee Razcal. Stimmt nämlich nicht. (8) Jan Wehn

 

 

La Roux - La Roux

Neulich in einem Kölner Club: Eine zierliche Frau in einem goldenen Jackett betritt die Bühne, durchbricht mit ihrer gewagten Frisur das Scheinwerfer Licht und packt eine Stimme aus, die dermaßen gut geölt ist, dass man sich fragt ob das Ganze nicht doch aus der Box hinter dem Vorhang kommt. Auch La Roux arbeitet sich schulterpolster-bewaffnet im Auftrag der 80er durch den Synthie-Dschungel und doch hat sie dort ihr ganz eigenes Lager aufgeschlagen. Abseits vom Naivchen-Schema machen Elly und ihre Band facettenreichen, kühlen Pop - mal laut wie„ In For The Kill" und mal balladesk bei „Cover My Eyes". Tanzhymnen muss man auf diesem Album nicht erst suchen und auch „Bulletproof" ist eine davon. Künstliche Discoklänge sind neben ihrer eigenwilligen Stimmfarbe definitiv die tragenden Elemente der Platte und damit fährt sie in einer zur Zeit recht schwammigen Sparte eine erstaunlich geradlinige Route. Lässt man die Musik einmal seine Gehörgänge passieren setzt sie sich ungefragt dort fest, denn Unverwechselbarkeit ist ein Stempel den man ihr in jedem Fall aufdrücken will. Und wen das kalt lässt, der erliegt schließlich ihrem britischen Akzent. (7) Silvia Follmann

 

 

Florence And The Machine - Lungs

Da wird jetzt von Außen ein Wettsreit ausgerufen, den die arme Florence Welsh gar nicht gewinnen kann. Popqueen 2009: La Roux, Little Boots oder doch her Florence And The Machine? Erstaunlich. Da haben die Musikredaktionen dieser Welt wohl das Spielchen "Welcher Name passt hier nicht rein?" noch nie gespielt. Anders ist diese Fehplatzierung nicht zu erklären. Hervorragend platziert (ÜBERLEITUNG!!!) hingegen "Kiss With A Fist" in einem Werbespot für mobiles Internet. Denn trotz Dauerrotation auf allen Kanälen ist dieser wundervolle Song noch lange nicht totgehört. Auf "Lung" gesellen sich noch weitere großartige Songs ("Girl With One Eye", "Drumming Song"), leider jedoch auch einige nur mittelmäßige Songs. Dennoch: Wer das hier verreißt schubst auch alte Omas aufs Bahngleis. (6) Andreas Peters

 

 

K.I.Z. - Sexismus Gegen Rechts

Wer sie jetzt nicht versteht, wird sie wohl niemals verstehen, die Kreuzberger. So offensichtlich polemisch und sarkastisch kamen sie noch nie daher. Das Spiel mit den Identitäten (Nazis, Ausländer, Sexisten, Krawallrapper) haben sie zur Perfektion gebracht. Punktabzug gibt es jedoch für einige Lückenfüller. Den machen aber Zitate wie 'Du hinterlässt braune Streifen // wie Leni Riefenstahl', 'Mein Pimmel will nicht wachsen // so wie Peter Pan' und in "Hurensohn Episode 1" 'Du willst wissen, wer dein Vater ist // Sie sagt Berufsgeheimnis' mehr als wett. Wer den Anarchorappern immernoch die Aufmerksamkeit verweigert, weil ihre Fangemeinde ebenso vielschichtig ist, wie es ihre textliche Ebene erwarten lässt, kauft jetzt bestimmt auch alle postmortem erscheinenden Michael Jackson-Compilations, um zu vertuschen, dass er da was verpasst hat. Der Rest schubst Omas auf die Bahngleise. Shame On You. (9) Andreas Peters

 

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