E-Book (2) - Chance statt Kulturpessimismus

Im zweiten Teil unserer kleinen, aber feinen Serie zum Thema "ebook" liefert Andreas einen Kommentar zur Chance, die hinter der vielbeschworenen Bedrohung der digitalen Evolution steckt. Ein Sinnieren über Aufbruch, Untergang und Möglichkeit eines Kulturmediums.

Es ist in diesen Wochen und Monaten eine Untergangsstimmung wahrzunehmen, die schwer zu ertragen ist und dennoch nicht unbekannt. Die Musikindustrie schaffte es vor Jahren schon nicht, ihren Job ernst zu nehmen und die Veränderungen, die sich auftaten als Chance zu sehen. Sie verbrachten die teure Arbeitszeit damit, Sanktionen zu erörtern und zu jammern und machten alles noch viel schlimmer.

Zumindest was das angeht scheint der Buchmarkt etwas gelernt zu haben. Nicht immer voll der Freude, aber dennoch nach dem besten Ausweg suchend, verkaufen die Büchereien heutzutage noch die etablierten, haptischen Versionen literarischer Erzeugnisse, während neben der Verkaufstheke bereits für das “Buch der Bücher” geworben wird. Und so schließt sich denn der Kreis. Das “Buch der Bücher” - einst der Titel für die Bibel – ist der schlaue Werbeslogan für eine Version des neuen E-Books.

Die Frage ist: stirbt das Buch, wie viele Pessimisten befürchten oder kann es ein friedliches Miteinander geben? Ist es denn überhaupt so schlimm, wenn im digitalen Zeitalter eine Kunstform auf digitaler Ebene ihren Ausdruck findet, solange die Rechte der Autoren gewahrt werden?

Zunächst einmal ist der Buchfetischismus, der von vielen in letzter Zeit so lanciert wird eher ein Plädoyer gegen reine Literatur als ein Plädoyer für das Buch in seiner ursprünglichen Printform. Zwischen den Zeilen ist dabei leider recht häufig zu lesen, dass ein literarischer Inhalt von seiner äußeren Form abhängig ist. Wäre also ein “Buddenbrooks” in e-book-Version weniger wert als im Hardcover- oder Taschenbuchformat? Hängt die grandiose Konstruktion Manns, die in diesem Roman den Zerfall einer Familie im Zeitalter der Industrie nachzeichnet von dem Druck auf ein Stück Papier ab und wäre die Bedeutung für nachfolgende Familienromane geringer, wenn der Inhalt nun auch als Datei heruntergeladen und dort gelesen werden kann?

NEIN! Definitiv nicht.

Um eine Lanze für die vermeintlichen Nostalgiker zu brechen: das Gefühl, ein Buch in der Hand zu haben, es zu knicken, zu markieren, die Seiten zu blättern, ist etwas ganz besonderes. In meiner subjektiven Auffassung ist die haptische Erfahrung des Buches weit bedeutender als sie es bei der CD ist. Die CD, die das Vinyl auf dem Tonträgermarkt ablöste, hatte nicht mehr die Anziehungskraft, die das größere Format des Covers hatte. Dennoch haben die Leute CDs gekauft. Warum das so war, versteht man vielleicht, wenn man sich überlegt, ab wann die Menschen aufhörten, in besonderem Maße CDs zu kaufen. Mit Einführung der mp3, dem handlichen, praktischen Format, das oft kostenlos, weil illegal zu haben war, verlor die CD ihre Strahlkraft. Musik wurde zuvor also scheinbar und hauptsächlich aus praktischen Zwecken auf CD gekauft, da es kaum andere Möglichkeiten gab, sich die Musik zu besorgen. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, der Übergang von Vinyl zu mp3 wäre eher zum Nachteil der mp3 ausgefallen, da der mediale Werteverfall größer gewesen wäre. Da das Vinyl nun aber nur noch Liebhabern als Tonträger diente, die die Strapazen und Kosten der Anschaffung auf sich nahmen, stellte die Umstellung von der weniger ansprechenden CD zur Datei keine große Hürde dar.

Das Buch wird den Kampf und das Ringen um die Vorrangstellung vielleicht verlieren, eines fernen Tages. Doch im Vergleich zum Musikmarkt, der jeden Menschen bedient, da es kaum Menschen gibt, die nicht irgendwie Musik hören (in welcher Form auch immer), spricht der Büchermarkt eher ausgewählt Kreise an, die, wenn man es überspitzt, fast völlig mit den Musikliebhabern zu vergleichen ist. Sie werden weiterhin dafür kämpfen, Bücher zu erhalten, die sie in ihre heimische Bibliothek stellen können und das Buch dem eBook jederzeit vorziehen.

Für wen soll das eBook gedacht sein? Im Vergleich zum iPod, der den mp3-Markt erst so richtig in Schwung brachte, liegen die Vorzüge für den “Verbraucher” beim eBook nicht so offen auf der Hand. Beim iPod war es möglich, seine gesamte Musiksammlung mit auf Reisen zu nehmen. Es war nicht mehr nötig, sich auf 10 CDs zu beschränken. Man konnte Playlists erstellen, zwischen Songs und Alben skippen, ganz wie man Lust hatte. Ein klarer Vorteil des digitalen Mediums gegenüber dem Silberling - im Übrigen sowieso gegenüber dem Vinyl.

Das eBook bietet diese Möglichkeit auch. Doch wie sinnvoll ist es, 10 Bücher gleichzeitig mit auf Reisen zu nehmen? Richtig, kaum erwähnenswert. Doch in Kombination mit der Hypertext-Funktion nimmt diese Möglichkeit Form an. Gerade für wissenschaftliche Arbeiten ist es sinnvoll, mehrere Bücher gleichzeitig mitnehmen, lesen und sinngemäß zwischen den Texten hin und her springen zu können.

Im Bildungsbereich wird das eBook seine Chance vermutlich zu allererst wahrnehmen. Das Buch ablösen wird es dennoch vermutlich nie. Und auch wenn es doch einmal so kommen sollte, dann müssen wir uns immer dessen versichern, dass der Geruch eines Buches, die Vergilbung der Seiten, die Eselsohren, das gesamte haptische Gefühl nur positive Nebeneffekte sind, die mit dem literarischen Inhalt rein gar nichts zu tun haben. Und sollte der Tag X eintreten: verabredet euch mit Freuden, kauft eine Flasche Wein, legt “Blonde On Blonde” auf, spielt eine Runde NES und lest zusammen ein altes Buch. The Times They Are A-Changin', Mates.

Kommentare

Alter...wenn du umziehst und

Alter...wenn du umziehst und 200 Bücher schleppen musst, dann würde sich dein Rücken für nen e-book bedanken...

Aber: richtig erkannt das es sich um fortschritt handelt. Das buch ist veraltet.