Ein kleines Essay über Transportmöglichkeiten

Welche Möglichkeiten bieten sich jemandem, der an einem verlängerten Wochenende auf spontanem Wege von Bonn nach Berlin und zurück gelangen möchte?

Selbst Fahren. Wird aber schwierig ohne eigene Karre.
Zug fahren? Zu teuer, wenn man nicht ein halbes Jahr zuvor eine Buchung plant.
Beim Fliegen treffen die gleichen Probleme zu.
Trampen? Alter, das ist so Achtziger!
Also bleibt die Mitfahrgelegenheit als die Transportmöglichkeit des 21. Jahrhunderts. Man steigt zu Fremden, mit denen man sich zuvor über ein Internetportal verabredet hat, in ein Auto und gelangt für wenig Geld zur Ortschaft des Begehrens. Dass aber auch diese scheinbaren Vorteile nicht immer Wort halten müssen und sich eine Fahrt leicht zu einem Horrortrip wandeln kann, das musste ich leidlich auf meinem besagten Trip am vergangenen Wochenende erfahren.

Abfahrtsort: Bonn Hauptbahnhof.
Mit Igor und seinem Kumpel Wladi auf nach Berlin! Das waren zwei fiese Typen in silber-weißen Nadelstreifhemden von Kik, denen der Gebrauch des Artikels im Deutschen – sei es bestimmt oder unbestimmt – nicht allzu wichtig zu sein schien. Essen ist natürlich nicht erlaubt im getunten, scheibenverdunkelten Audi. Die Bezahlung findet während der Fahrt mit 200 km/h auf der Bahn statt. (Weil ich mich ja sonst schnell aus dem Staub machen könnte, wenn wir erst einmal angekommen sind.) Und woher sollte ich bitte wissen, dass diese harten Russen mich so nicht aus dem Wagen stoßen würden an der nächsten Autobahnkreuzung? An dieser Stelle vermutete ich, dass das Autokennzeichen gefälscht war, die Farbe unecht, und malte mir bereits aus, wie ich nicht bis zur Hauptstadt der Bundesrepublik sondern direkt in ein sibirisches Arbeitslager des russischen Gulag geschafft würde. Aber ich gelangte doch noch zur U-Bahn Station Alt-Mariendorf in Alt-Mariendorf, das tatsächlich noch zu Berlin und doch nicht zur Pampa gehörte. (Aber auch das war vorher nicht ausgemacht, Freundchen!)

Ein paar gute, aufregende Tage am Zielort, die lediglich leicht getrübt sind durch die Angst, die die Gedanken die Abreise bereits wieder auslöst. Die Rückfahrt, die jedoch kommen muss.

Abfahrtsort ist dieses Mal der Ostbahnhof.
Nun gemeinsam mir ihr und ihm. Also ein gruseliges Pärchen, das keine Rücksicht auf die Menschen nimmt, die es umgibt. Sie ist blond, trägt eine braungetönte Sonnenbrille vom Typ Flieger mit Goldrand und einen sehr kurzen Rock (oder ein sehr langes T-Shirt?). Er ist ein Schwätzer mit Ziegenbart.
Es wird gegessen, gestopft, sich auch gefüttert – egal, Hauptsache rein damit – die gesamte Fahrt über. Brote mit Fettrandkochschinken, Schweineohrengebäck, Schokoladenmuffins, Weingummi – alles innerhalb der ersten Fahrtstunde. Der Rest ist in der Kühltasche und wird im Laufe der Fahrt angebrochen. Panierte Minischnitzel in Plastik verschweißt, Reiswaffeln, Schokolade und Cola light (kalorienreduziert, hä?).
Während der ersten Rast frage ich sie, von wo genau aus Berlin sie kommt. „Marzahn“, ist die Antwort. Ich so: „Oh.“ Daraufhin sie so: „Ich finde, dass man Stadtteile nicht so oberflächlich einfach schlecht bewerten darf.“ Sie steht vor mir trägt ihre Strass Balerinas, wirft ihre blondierten Haare zurück und meint „Es kommt nämlich auch immer auf die Leute an, die da wohnen.“ Deshalb ich nur: „Hmm, vielleicht.“ Wir setzen uns wieder ins Auto, um weiterzufahren und sie dreht die neuste Rihanna-Single auf. „Das ist ja geil!“ „Hmm“, kann ich wieder nur denken. Aber mehr als acht Stunden nach der Abfahrt kommen wir schließlich um 22.30 Uhr wieder in Bonn an.

Was soll ich sagen?
Um innerhalb eines halben Tages zwischen Berlin und Bonn zu pendeln mit derartig schlimmen Menschen sind selbst 28 Euro zu viel. Auch komfortabel kann man das nicht nennen.

Also scheiß’ ich auf die Mitfahrzentrale - beim Trampen kann man Personen, die einem nicht passen, wenigstens noch durchwinken.

Kommentare

Lustig

Ich musste echt loslachen bei der blonden Marzahnerin. Hätte gerne noch mehr erfahren von den Russkis.