Ich und... David Lynch

Zugegeben ist es schon ein Weilchen her, da ich meinen ersten David Lynch Film sah.Das Ganze war mehr oder minder eine zufällige Begegnung, denn - unwissend wie ich damals war - ich kaufte mir LOST HIGHWAY bloß, weil ich David Lynch mit David Fincher verwechselte und eigentlich irgendeinen Film des Regisseurs von FIGHT CLUB sehen wollte.

So stand der Highway eine ganze Zeit lang verloren und unbeachtet in meinem Regal, bevor ich mich schließlich dazu durchrang, ihn anzusehen. Danach ging es mir wie wohl den Meisten. Verstörtheit gepaart mit Verständnislosigkeit machte sich breit. Was mich verunsicherte war die Beklommenheit, die der Film verursachte - ohne zu wissen, wo diese ihren Ursprung hat. Aber gut, auch das ist der Normalfall.

Wenn ich auch nichts mit dem Film anfangen konnte, dachte ich, vielleicht unbewusst (darauf ist Lynch ja besonders erpocht), dass mehr dahinter stecken könnte. Er ließ sich jedenfalls in kein mir bekanntes Genre einordnen; Horrorfilm passte nicht, der Gangsterfilm wurde auch nur angeschnitten (oder gar parodiert) und für einen gewöhnlichen Thriller war er zu abgedreht. Ich unternahm also einen zweiten Versuch, gab dem Film eine Chance. Beim zweiten Sehen wirkte der LOST HIGHWAY plötzlich deutlich durchschaubarer. Man denkt Ansätze von Mustern zu entdecken und ist sich sicher, dass das Rätsel eine Lösung inne hält.

Als ich mich mit einigen Leuten über den Film unterhielt, kam stets und recht schnell die Frage auf: „Und, hast du ihn verstanden?“ Eine dumme Frage, dachte ich mir. Denn spätestens nach dem dritten oder vierten Mal sehen ist nur klar, dass überhaupt nichts klar ist und dass es die einzig wahre Wahrheit und dieses „Verstehen“ nicht gibt. An diesem Punkt wird man als Außenstehender skeptisch. Wieso sich einen Film ansehen, der keinen Sinn macht? Doch dazu später mehr.

Den nächsten Versuch mich dem Oeuvre Lynch zu nähern unternahm ich mit MULHOLLAND DRIVE. Dieser stellt einen vor exakt gleiches Problem. Der investigative Trieb veranlasst wieder dazu, nach dem Sinn des Films zu suchen, die Handlung zu erklären und in eine Ordnung zu bringen. Eine mediale Schatzsuche ist es, was Lynch veranstaltet. Mit seinen Hinweisen (er gibt zu MD 10 Hinweise preis, die die Interpretation erleichtern sollen), Aussagen und den sich scheinbar ähnlichen Handlungsverläufen macht er uns glauben, dass man auf etwas Tieferes stoßen könnte. Und diese Strategie ist schlichtweg genial. Denn Lynch weicht niemals von seinem Pfad der professionellen Geheimnistuerei ab. Bis jetzt hat er keine konkrete Erklärung zu auch nur einem seiner Filme gegeben. Dabei appelliert er an den Verstand des Menschen: Man solle selbst nach einer Erklärung für das suchen, was man gesehen hat, anstatt in einem „Lösungsbuch“ des schlauen Regisseurs nachzusehen.

Wie kein zweiter spaltet er die Filmwelt in zwei Lager. Anhänger und solche, die absolut nichts für ihn übrig haben. Doch in dem Punkt, dass Filme wie LOST HIGHWAY oder MULHOLLAND DRIVE einen, dadurch, dass sie so schwer zu fassen sind, ratlos „auf der Strecke“ zurücklassen, unterscheiden sich die beiden Seiten nur geringfügig. Die einen lassen sich eben gerne verwirren, die anderen nicht.

Seine Ironiefähigkeit beweist Lynch mit THE STRAIGHT STORY, einem, wie der Name bereits verrät, absolut geradlinig erzähltem Roadmovie über einen alten Südstaatler, welches viel mehr an Wim Wenders erinnert als an David Lynch. Während uns LOST HIGHWAY lehrt: Ein Film ist ein Film und keine Wahrheit (Sinn), zeigt er Lynch mit THE STRAIGHT STORY, dass es dank unseren erlernten Sehkonventionen sehr wohl möglich ist, eine einfache Geschichte durch einen Film zu erzählen.

Genauso schwer wie seine Filme, lässt sich auch die ganze „Marke“ David Lynch auf ein bestimmtes Konzept reduzieren. Man muss es eher als Mosaik denn als einen Meltin’ Pot sehen. Jeder mag über transzendentale Meditation denken, was er will. Aber wieso sollten sich nicht mehrere unterschiedliche Eigenschaften und Interessen in einer Person vereinbaren lassen? Sich selbst lässt man auch nur ungern reduzieren. Für eben solches Unverständnis sorgt die scheinbare Unvereinbarkeit der ruhig-besonnenen, positiven Privatperson Lynch und seinem monströsen Filmwerk.