Rapmusik in Deutschland ist größtenteils sehr belanglos und irrelevant. Da ich ohnehin kein Mensch bin, der gerne auf Konzerte geht, muss also schon einiges passieren, bis ich mir irgendeinen Künstler mal live zu Gemüte führe. So geschehen vorletzten Samstag. Da kam nämlich der werte Herr Wehn ins unfassbar studentische Münster gefahren und brachte kraft seiner journalistischen Netzwerkaktivitäten den Gästelistenplatz plus eins für die „Mittelfinger Hoch Tour“ mit. Und somit hieß es dann: Ab zur Selfmade-Entourage im Skater’s Palace und mal abchecken, ob das mit den Rapkonzerten immer noch so ist wie vor ein paar Jahren.
Kurz zur Erklärung: Selfmade, das sind im wesentlichen Casper, Kollegah, Favorite und Shiml. Das wiederum ist insofern lustig, weil das Stil-Portfolio des Labels damit den oft postulierten Emorap ebenso wie bosshafte Zuhälteransagen und semipsychopathische Anarcho-Styles umfasst. Dementsprechend gemischt ist dann auch das Publikum. Im Skater’s Palace ist derweil leider nicht die große Halle auf (die ich übrigens noch nie zu Gesicht bekommen habe), und die wartenden Fans müssen mit dem Café vorlieb nehmen.
Neben den langsam aus den Boden sprießenden Menschentrauben, die sich meist zu dritt oder viert zum Freestylen zusammenstellen, ist mir im Vorfeld des Auftritts nur eines in Erinnerung – es ist unbeschreiblich heiß in dem Laden. Na gut, aufgefallen ist mir auch noch dieser vollkommen dümmlich wirkende Mensch mit dem Multi-XL-Shirt und lila gesträhnten Haaren. Ohne Scheiße. Lila gesträhnt. Und dazu noch richtig schlecht. Ich glaube bis heute, dass dieser Typ reine Satire war. Er hat das aber alles ernst gemeint, glaube ich.
Nachdem dann eine gute Stunde ins Land gegangen ist, in der Herr Wehn und ich versucht haben, betrunken zu werden (was nicht funktionierte), betraten dann Shiml und sein Back-Up Montana Max die Bühne. Und da fiel es mir das erste Mal ins Auge. Ich hatte ein komisches Gefühl dabei. Diese Euphorie, dieses Leuchten in den Augen. Das nervöse Umherschauen, wie sich die Umgebung gerade verhält. Denn als der Max verkündet, erst gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden zu sein, fühlt sich ein großer Teil des Publikums gewissermaßen geadelt. Nach dem Angriff auf das Selfmade-Camp in Kreuzberg 36 springt der Max mit Gips am Arm tatsächlich munter über die Bühne und baut mit Shiml ein bisschen scheiße.
Den Leuten gefällt es. Noch mehr rasten sie allerdings aus, als Casper auf die Bühne kommt. Straight mit Röhrenjeans, Chucks und Bandana. Die Jeansweste hat er sich noch nicht getraut, sagt er. Trotzdem geil. Und bei allem Hype um die Selfmade-Jungs muss ich sagen: „Unzerbrechlich“ löst bei mir auf jeden Fall eine Art Gänsehaut aus. Casper lässt bei dem Track oft ein paar Wörter weg, die dann easy das Publikum übernimmt. Das steigert natürlich die Dramaturgie. Ich vermute allerdings, dass ihm einfach die Tour verdammt in den Knochen hing.
Tatsache ist aber auch: Zwischen der Art und Weise, wie Casper anfangs neben der Bühne steht und dem Herrn Wehn kurz guten Tag sagt und der Art, wie er auf der Bühne rüberkommt, liegen Welten. Und das ist der zweite Moment, an dem ich mich komisch fühle. Es ist dieses alte Bild, was man so im Kopf hat. Jemand tritt ins Rampenlicht und es kommt einem so vor, als würde ein Schleier weggezogen. Fifteen minutes of fame, womöglich ein bisschen mehr, und alles andere ist ausgeblendet. Ich erkenne mich in den Personen im Publikum wieder. Dieser Rausch, als gebe es diesen Casper nicht, der da noch eben sehr nett, aber nüchtern neben der Bühne stand. Hier liegt eine Grenze, die kaum einer der Anwesenden erkennt. Ich sehe sie selbst zum ersten Mal. Das Gefühl ist, wie gesagt, komisch.
Das Finale machen dann Favorite und Kollegah. Neben mir stehen Menschen und verstehen kein bisschen. Ein Mädchen beschwert sich, fragt, ob nach „den Prollos“ nochmal alle zusammen kommen. Ich beruhige sie. Dennoch, Unverständnis. Die beiden Rapper werden allerdings ebenso gefeiert wie die anderen. Ich gucke ins Publikum und fühle mich das dritte Mal komisch berührt. „Wir ham eine Shotgun dabei, wir schießen dich Opfer voll Blei“, grölen da zwei jüngere Mädchen und kichern sich dabei an. Das ganze kommt mir sehr, sehr befremdlich vor. Wirklich sehr. Wir waren früher auch so ähnlich, denke ich mir da. Aber wir haben keine Leute mit Schrotflinten erschossen. Ich trinke mein Bier weiter und ärgere mich irgendwie, darüber nachgedacht zu haben.
Das Ende vom Lied ist dann, dass alle noch einmal zusammen auf die Bühne gehen. Als Nachtrag lässt sich anfügen: Ama von der JUICE muss seinen Stage-Dive dem desillusionierten Security erklären, der 16bars.de-Moderator trägt auch im echten Leben zu große Poloshirts und dieses Projekt vom Affenboss ist großes Kino. Wir für unseren Teil entscheiden uns dazu, noch das „Amp“ aufzusuchen. Überregionale Fachpressevertreter, 19-jährige DJs, der Röhrenjeansrapper, sein sympathischer Mitbewohner – alle mit im Gepäck. Und wie ich da so durch die Nacht tanze, wird mir klar: Ich werde nie wieder richtig jung sein. Im Guten, wie im Schlechten.
Text: Philipp Laage