Ennui am Fin de Siècle - Tristesse Royale
Der Plan sieht folgendermaßen aus: Man treffe sich in der Hauptstadt und siniere ein Wochenende lang, in purem Luxus schwelgend, über den Zustand unserer Gesellschaft und verkaufe dieses Werk als eine Art Manifest, als ein Abbild unserer Zeit. Natürlich läuft man beim Überfliegen des Bucheinbands und dem Lesen der Autorennamen Gefahr, dieses ziemlich gewagte Projekt allenfalls abzutun als den Versuch, eine halbgare Stil-Bibel unter das Volk zu schmeißen. Deutlich gesprochen: Wer den fünf Autoren dieses netten Stücks vorwirft, sie würden nur hochgestochenen Schwachsinn reden, hat damit völlig Recht – aber eben auch nicht.
Was die stets adretten Herren Kracht, Nickel, von Schönburg, Bessing und von Stuckrad-Barre da im Jahre des Herrn 1999, am vielzitierten fin de siècle, unter dem Einfluss zahlreicher Narkotika in den altehrwürdigen Mauern des Adlon hervorbringen, trifft erschreckend die soziokulturellen Phänomene der post-modern gesättigten Gesellschaft auf den Punkt. Ob die Autoren dies anfangs mit voller Berechnung geplant haben oder nicht, sei einmal dahingestellt. Dabei erkennen sie durchaus richtig, dass ihr Publikum eigentlich genau diejenigen Menschen sind, auf die sie aus dem Fenster des Luxushotels nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes herabblicken. Die fünf Hedonisten legen deshalb während der Bestandsaufnahme ebendieser „wohlstandsverwahrlosten“ Gesellschaft (so beschreibt es der Aristokrat Alexander von Schönburg) stets einen dandyistischen Habitus an den Tag, der bewusst durch die Nennung jedweder Hersteller ihrer sündhaft teuren Kleidung unterstrichen wird.
Während Christian Kracht, der schon mal einen Leatherman „aus purem Gold“ aus der Tasche fingert, eher seine ironische Vagheit an den Tag legt, zeichnen sich Benjamin von Stuckrad Barre und Alexander von Schönburg in diesem traurigen Lustspiel durch präzise Analysen aus, die den Urkonflikt dieser neuen Generation treffend zusammenfassen: Ironie oder Rock. Dieser Zwanggegensatz durchzieht die gesamten Erörterungen – sei es an den Schreibtischen im Nachtleben oder beim Re-Modelling des reinkarnierten Popkultur-Ghandi Bono von U2. „Interessant und traurig“ – so beschreibt Alexander von Schönburg die Erkenntnisse, die sich aus den Gesprächen ergeben. In der Tat gewinnt man den Eindruck, die Menschen ständen vor lauter Langeweile und „Kollektivierung von Individualität“ am Rande einer existenziellen Sinnfrage, die sie in den ständigen ironischen Bruch mit sich selbst treibt.
Dass die Autoren unter den Schlüssen, die sie ziehen, selbst leiden, zeigt sich durch detailgetreue Schilderungen ihres körperlichen Niedergangs, so als wäre das erklärte Ziel dieses Romans in Dialogform – nämlich ein Bild der Gesellschaft zu entwerfen – mit einer zunehmenden Demaskierung ihrer selbst verbunden. Das liegt daran, dass sie selbst nur ironisieren können, für nichts gerade stehen, weil alles schon belegt ist. Der Inhalt weicht dem ästhetischen Anspruch. Denkt man diesen Gedanken zuende, können einem die Schriftsteller tatsächlich nur als traurige Personen erscheinen. Eine Kompensation der seelischen Leiden durch Einnehmen von Drogen, wie sie während des Zusammentreffens versucht wird, misslingt, natürlich.
Man kann über die Wappenträger der Popliteratur schimpfen, wie man möchte - letztlich beschreibt kaum ein anderes Werk so treffend die zwanghafte Sinnsuche einer Generation, die sich für nichts mehr entscheiden kann in ihrem ständigen Abgrenzungswahn, aber gleichzeitig so unermesslich nach Bewunderung und Anerkennung für etwas lechzt, das sie größer macht als sie sind. Ein Konflikt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Oder doch? Kracht und Bessing wählen am Ende schließlich doch einen anderen Weg, nämlich nach Asien, ins ferne Kambodscha, zum „Nullpunkt“, wie sie sagen. Und während Alexander von Schönburg seinen persönlichen Ausweg aus dieser misère d’esprit eben in der Spiritualität findet, ist es bei Kacht wohl tatsächlich das gänzliche Verschwinden, das dem Irrsinn den Rücken kehren, nicht nur als Geste, als Statement, als Haltung, sondern aus Überzeugung, dass es das Beste ist, ohne sich noch einmal umzusehen. Er lebt heute in Buenos Aires.
Wer also wissen möchte, warum man Pulp Fiction nicht mehr gut finden kann oder der Gang ins Kloster eigentlich auch Rock’n’Roll ist, sollte sich von den streckenweise sinnfreien Ausführungen von Joachim Bessing nicht abschrecken lassen. Ich würde behaupten, das Stück hat trotz seiner zehn Jahre auf dem Buckel in diesen Tagen mehr Relevanz denn je. Das Bild mit der Spirale habe ich allerdings bis heute noch nicht so ganz verstanden.
Text: Philipp Laage
