Wenn die Jungs von Whitest Boy Alive Sterneköche und nicht Musiker wären, würden sie sicher als Vertreter der Nouvelle Cuisine gelten. Genauso wie die Anhänger eben jener Stilrichtung der gehobenen Küche setzen Sie sich Regeln, die zu klaren Strukturen führen und die Eigenheiten der einzelnen Zutaten herausheben, statt sie durch opulente Arrangements in den Hintergrund zu drängen. Das Debut "Dreams" der Band um den musikalischen Kosmopoliten Erlend Øye funktionierte eben genau nach diesem Prinzip. Das Rezept: Man nehme eine Handvoll von Elektronika inspierte Rhythmen, präzise, aber sanft gespielt auf einem echten Schlagzeug. Dazu gibt man eine ordentliche Prise groovender Basslines und ein paar Schüsse an Klarheit kaum zu überbietende Telecaster-Riffs. Der weiche, über allem schwebende Gesang rundet das Ganze ab und heraus kommt, ohne Nachwürzen zu müssen, ein Sound, der neu ist und schlichtweg gefällt. Aber hier fängt der Vergleich zwischen Kochkunst und Musik aber auch schon zu hinken an. Während dem Sternekoch ein fast unausschöpflicher Vorrat an Zutaten und Geschmacksrichtungen zu Verfügung steht um immer wieder neue Rezepte hervorbringen zu können, funktioniert Popmusik nach anderen Regeln. Nichtsdestotrotz konnte man dem Erstling, wenn es denn etwas zu bemängeln gab, genau diese fehlende Abwechslung vorhalten. So gut die Rezeptur zu verzaubern wusste, schien sie am Ende von "Dreams" doch eher ausgereizt ... nicht gerade die beste Vorraussetzung für ein Folgewerk.
Eben dieses passenderweise "Rules" betitelte Album liegt jetzt vor und siehe da ... bereits nach den Ersten paar Takten des Openers "Keep a Secret" wird klar: Es hat sich etwas geändert. Daniel Nentwig, der Mann der Whitest Boy Alive mit seinen Vintage-Synths schon seit jeher live begleitet hat, ist nun festes Mitglied der Band und Stakkatokeyboardlicks und weiche Synthiesoundteppiche bereichern fortan nicht nur das Klangspektrum der Band, sondern scheinen auch Indikator einer umfassenderen Entwicklung zu sein. Für Leute, die das Vergnügen hatten einer der Liveshows der Band beizuwohnen kommt diese Entwicklung sicher nicht überraschend, denn auch dort wurde schon zu Zeiten von "Dreams" aus den dann doch eher gemächlichen Songs ein echtes Discofeuerwerk. Dass dieses Feuer an einem Zweitling nicht spurlos vorbei gehen würde, war abzusehen. Das zeigt sich am offensichtlichsten in Songs wie "Courage" oder dem großartigen "1517", die in jeder Indiedisco für gefüllte Tanzflächen sorgen dürften. Aber trotz dem, in Bezug auf seinen Vorgänger, insgesamt höheren Discofaktor hat "Rules" auch einiges an ruhigeren Momenten zu bieten. Hervorzuheben ist hier besonders "Gravity". Einige dieser ruhigen Momente sind allerdings auch so etwas wie die Achillesverse des Albums. Das träge "Timebomb" und das einschläfernde "Rollercoaster Ride" könnten leider dafür sorgen, dass manch ein Hörer zu früh aufgibt und die Höhepunkte, die sich seltsamerweise auf die zweite Hälfte der Scheibe beschränken, verpasst. Ein weiterer dieser Höhepunkte, der nicht unerwähnt bleiben sollte, ist "Dead End". Ein Song der klar stellt, dass das Klangspektrum von Whitest Boy Alive noch nicht ausgeschöpft ist.
Bei all der bewiesenen Fähigkeit zum Wandel stellen sich die Veränderungen am Ende jedoch als weniger einschneidend heraus, als man zuerst annehmen mochte. Auch wenn Keyboardsounds die Arrangements der gesamten Platte prägen und insgesamt tanzbarere Töne angeschlagen werden, scheint die Seele des Whitest Boy Alive-Sounds doch die gleiche zu bleiben. Das kann man sowohl positiv als auch negativ bewerten. Nach wie vor dominiert der typische Sound, der es wie kein anderer schafft die Triebkraft und Euphorie moderner elektronischer Genres mit dem Realismus und der Nachdenklichkeit des Indie zu verbinden. Andererseits ist auch klar, dass sich dieser Sound, sieht man vom verstärkten Einsatz der Tasteninstrumente ab, im Kern aus den gewohnten Zutaten speist. Im Zentrums eines jeden Songs steht immer noch das Fundament aus groovenden Bassläufen und straighten Schlagzeug-Beats, die aber selten über das Foor-to-the-Floor-Indie-Beat-Schema hinausgehen und am Ende eines Stücks dürfen sich Gitarre und Synthesizer, wie gehabt, etwas austoben. Somit bleibt auch am Ende von "Rules" die Frage, ob dieser Sound sich nicht früher oder später abnutzen wird.
VÖ: 27.02.09
Label: Bubbles